Oikos-Verein

Bericht aus Haiti, Montag, 14. Januar 2019

Liebe Freunde, 

Heute haben uns J. und Za. im Mädchenheim aufgesucht. J. hat eine Ausbildung als Klempner bei den Salesianern gemacht. Die Ausbildung war mit zu wenig Praxis verbunden. Den Ausbildungsstätten der Salesianer fehlt das Geld, um Werkstätten zu schaffen, in denen die Lehrlinge ausreichend selbst Hand anlegen können. Man zeigt ihnen die praktischen Arbeiten, aber sie selbst machen zu wenig die Erfahrung, wie man ein verstopftes Rohr wieder durchlässig macht, wie man Wasserhähne montiert und repariert, wie man Rohre zuschneidet, verklebt und rechtwinklig an Wänden verlegt etc. etc. So sind sie nach der Ausbildung unfähig, selbständig Klempnerarbeiten zu übernehmen. Die übliche Lösung ist, Praktikumsstellen für sie zu suchen. Häufig verlangen Werkstätten recht viel Geld dafür, einen Klempnergesellen als Praktikanten aufzunehmen. Das geht so weit, dass manche Firmen hauptsächlich von den Praktikantengeldern leben. Beigebracht wird ihnen in solchen Firmen kaum etwas. Andere Firmen verlangen zwar kein Geld, bringen ihnen aber auch kaum etwas bei. Bei der verrückten Arbeitslosigkeit hat niemand sonderliches Interesse daran, sich einen eventuellen Konkurrenten heranzuzüchten. J. hat da und dort kleine Arbeiten gefunden. Wir haben ihn die eine oder andere Reparaturarbeit in den Heimen der Haiti Kinder Hilfe machen lassen. Manche hat er nur mit der Hilfe eines erfahrenen Klempners übernommen, weil er sich die Aufgabe nicht zugetraut hat. Heute hat er berichtet, dass er eine Weile eine Arbeit in einer Fabrik gefunden hatte, aber einige frisch angestellte Arbeiter haben gegen die dort gezahlten Hungerlöhne aufgemuckt, weshalb die Firma kurzerhand alle Arbeiter, die noch nicht lang in der Firma waren, auf die Straße gesetzt hat.

Seltsamerweise ist er, wahrscheinlich aus Anhänglichkeit an seine Mutter und Geschwister nie aus dem kriminalisierten Slum Cité Soleil weggezogen, was ,..... Nur wenn er Arbeit findet, kann er sich, wie er meint, einen Umzug leisten.

Za.hat einige Monate lang versucht, mit seiner abgeschlossenen Maurerausbildung in der Dominikanischen Republik ein Auskommen zu finden. Er ist, wie wir glauben, kein schlechter Maurer. Er hatte einige Male in den Heimen die Gelegenheit, seine Maurerkünste unter Beweis zu stellen. Aber die Situation nach abgeschlossener Ausbildung ist nicht viel besser als für Job. Auch ihn will besagter Bandenchef gern als „Soldat“ anheuern.

Wir haben eine Art Brainstorming mit den Beiden durchgeführt. Sie träumen davon, als Rapper ein Auskommen zu erwirtschaften. Gleich, als sie reinkamen, haben sie uns einen selbstgedichteten Rap vorgesungen. Leider haben wir wenig verstanden, denn natürlich dichten sie kreolisch.

Die üblichen Wege, hier für die Beiden Arbeit zu finden, sind fast aussichtslos. Man muss sich also etwas anderes einfallen lassen. Das vorläufige Ergebnis ist, dass wir mit ihnen eine Art Visitenkarte entwerfen und diese für sie drucken lassen. Außerdem sollen sie einen Werbe-Rap dichten, den sie in manchen Vierteln von Port-au-Prince, in denen es viel zu reparieren und zu bauen gibt, durch die Straßen wandernd singen können. Gleichzeitig können sie Leuten, die aus den Häusern herauskommen, ihre Visitenkarte in die Hand drücken. Mal sehen, ob das etwas bringt.

Allerdings geht uns der Gedanke nicht aus dem Kopf, wie man die beiden, vielleicht samt Mutter und Geschwistern, aus Cité Soleil herausbringen und in einem nicht kriminalisierten Viertel, in dem Wohnungen erschwinglich sind, unterbringen könnte, um die Gefahr aus der Welt zu bringen, dass sie vor lauter Entmutigung „Soldaten“ des ihren Distrikt kontrollierenden Bandenchefs werden.

Eine vertrackte Situation.

Wir hören, dass zumindest in Süddeutschland der Schneenotstand ausgebrochen ist. Auch nicht schlecht!

Liebe Grüße

Claire und Frank

 

XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX

Vom 11. Januar 2019

Liebe Freunde,

da sind wir wieder in Haiti! Vorgestern kam das voll besetzte Flugzeug wohlbehalten in Port-au-Prince an. Beim Aussteigen gleich der übliche Hitzeschock – von den Null Grad in Paris über die leicht kühle Temperierung im Flugzeug zu 33 Grad und einer Sonne, die den Beton am Flughafen gut aufheizt.

Berthony, der unermüdliche Fahrer der Heime und der Mann für alles, und Francis, der Erzieher, der seit 8 Monaten im Heim der Jungs lebt und sich um die Erziehung unserer Kids bemüht, holen uns ab. Berthony ist, wie immer, hervorragend informiert, welche Straßen man entlangfahren kann ohne Überfälle zu riskieren, denn in letzter Zeit gab es wieder einmal mehr davon.

Nahezu alle hochrangigen Politiker arbeiten mit Gangchefs der Slums zusammen, liefern ihnen Geld und Waffen. Als Gegenleistung zwingen die Gangchefs die Bewohner des von ihnen kontrollierten Slumteils, den jeweiligen Politiker zu wählen und ihm hörig zu sein, also bei politischen Versammlungen laut Hurra zu schreien, wenn er spricht und alle Gegner zum Schweigen zu bringen. Dabei schaukeln sich Konflikte anscheinend zunehmend hoch. Kaum kommentiert von den Medien scheint bei einem solchen Konflikt vor kurzer Zeit eine Schießerei entstanden zu sein, bei der 71 Personen getötet wurden. Die Toten wurden in Säcken abtransportiert und auf einen Abfallhaufen geworfen. Niemand weiß, warum die Medien kaum darüber berichtet haben. Immerhin scheint es Leute zu geben, die ein juristisches Verfahren in Gang setzen wollen, um die Vorgänge aufzuklären.

Die Preise in Haiti steigen. Zum Glück hat der jetzige Präsident die vor wenigen Monaten getroffene Entscheidung, die Benzinpreise um 35 Prozent zu erhöhen, wieder rückgängig gemacht. Die Reaktion großer Teile der Bevölkerung war so, dass, in den Worten von Berthony, mehrere Tage gar nichts mehr ging, alles blockiert war. Alle Leute blieben zuhause und wagten sich nicht mehr auf die Straße.

Die Frau des Präsidenten hat ein Verfahren in Gang gesetzt, das alle Leute nötigt, sich einen neuen Personalausweis zu beschaffen. Angeblich verdient sie daran Millionen. Berthony hat uns seinen neuen Ausweis gezeigt. Er sieht, abgesehen von unbedeutenden Änderungen, genauso aus wie der alte.

Ihr seht also, dass wir gleich bei unserer Ankunft eintauchen in die von endlosen Skandalen bestimmte politische Atmosphäre dieses Landes. Aber es gibt auch Gutes: Das haitianische Sozialamt hat eine große Initiative gestartet, die verschiedenen Heime und Waisenheime aufzulisten und effektiver zu kontrollieren. Mal sehen, ob die Kontrolle etwas bringt. Nötig ist sie sicher, denn es dürfte einige Heime geben, in denen die dort wohnenden Kinder benutzt werden, um an Hilfsgelder heranzukommen. In vielen Heimen sind auch Kinder und Jugendliche, die Eltern haben. Das Heim wird von den Eltern ausgenutzt, um Kinder loszuwerden, die sie unbedacht in die Welt setzen oder bei denen sie zu geizig oder zu faul sind, um für sie zu sorgen. Das Sozialamt will die Heimbetreiber anregen, vielleicht auch hin und wieder zwingen, solche Kinder wieder zu den Eltern zu bringen und dafür zu sorgen, dass die Eltern sich um sie kümmern. Wie so oft in Haiti dürfte das auf dem Papier sehr gut aussehen, aber an der Realität scheitern, denn um wirklich zu kontrollieren, bräuchte das Amt genügend gut bezahlte und gut ausgebildete und nicht korrupte Leute, was bei einer chronisch leeren Staatskasse, bzw. einem kräftig verschuldeten Staat nur schwer möglich ist. Immerhin sind unsere Heime bereits von den Beamten des Sozialamts besucht worden. Sie wollen in ein paar Monaten wieder kommen und haben zwei Fragebögen hinterlassen, von denen der eine 19 eng bedruckte Seiten, der zweite fünf Seiten umfasst. Man gewinnt den Eindruck, dass die Verfasser sich an französischen Normen orientiert haben, denen höchstens das eine oder andere von hygienesüchtigen Amerikanern gebaute Heim entsprechen dürfte. Wir werden das Sozialamt besuchen und mit den Leuten reden. Das führt in der Regel dazu, dass man sich auf recht vernünftige Weise einigen kann.

Heute Mittag essen wir in einem recht guten Restaurant in Pétionville, dem eher für reiche Leute attraktiven Viertel von Port-au-Prince. Cassandra und Luna, zwei unserer Mädchen aus dem Mädchenheim, haben dort die Gelegenheit bekommen, ein Praktikum zu machen. Wir wollen mit der Besitzerin sprechen, um zu sehen, ob das gut läuft. Cassandra und Luna wollen einen Imbissstand aufmachen, träumen aber davon, später ein Restaurant zu betreiben. Sie sind klug und könnten es durchaus schaffen, wenn ihre Disziplin und ihr Durchhaltevermögen ausreichen. Disziplin ist eines der größten Probleme in Haiti und auch der meisten unserer Kids.

Soviel für heute. Genießt den Winter.

Liebe Grüße

Claire und Frank

vom 12.Januar 2019

Liebe Freunde,

wir waren also gestern Mittag in einem der vornehmeren Hotels und dazu gehörigem Restaurant von Port-au-Prince. Es liegt mitten in Pétionville, dem wohl edelsten Viertel der Stadt. Um zum Hotel zu gelangen, mussten wir durch einen Teil Pétionsvilles fahren, was zu unserer großen Überraschung völlig anders aussah als noch voriges Jahr. Das Viertel war früher immer relativ still und ordentlich gewesen. Die eher zentral gelegenen Straßen wurden eingesäumt von allen möglichen Geschäften und Boutiquen. Jetzt plötzlich sind alle Bürgersteige von fliegenden Händlern besetzt. Man glaubt sich in einem der Marktviertel von Port-au-Prince. Die von Berthony gelieferte Erklärung für diesen radikalen Wandel ist, dass die zentraler gelegenen Viertel der Hauptstadt gefährlicher geworden sind. Die Kontrolle verschiedener Viertel durch kriminelle Banden hat sich verschärft. Berthony erzählt, dass Händler manchmal mehrmals am Tag bedroht und aufgefordert werden, „Schutzgelder“ zu bezahlen: kleine Stände (Bäuerinnen mit ein paar Mangos und Zwiebeln) zahlen 25 Gourdes, größere 50 und ganz große noch erheblich mehr – wie gesagt manchmal mehrmals am Tag. (Im Augenblick bekommt man für 77 Gourdes einen amerikanischen Dollar). In Pétionville bezahlen die Geschäfte und Stände zwar auch „Schutzgelder“, aber an Gemeindebeamte, die allerdings mehr verlangen, als vom Staat her vorgeschrieben. Sie stecken den Überschuss natürlich in die eigene Tasche.

Berthony fährt jede Woche mit Bernadette, die für den Haushalt im Mädchenheim zuständig ist, auf einen der großen Märkte von Port-au-Prince, um die Essenseinkäufe zu machen. Mehrmals sind die Beiden in bedrohliche Situationen geraten, in denen Mitglieder einer Gang dabei waren, Schutzgelder mit Waffen im Anschlag einzufordern. Wer nicht spurt oder sich rechtzeitig verduftet, bezieht Prügel oder Schlimmeres.

Man kommt, wenn man solche Geschichten hört, unweigerlich auf Ideen, dass die Demokratisierungsversuche in diesem Land oft nur ein Vorwand sind, um geschützt von demokratisch vorgehaltenen Scheinprozessen eine mehr und mehr um sich greifende Kriminalisierung zu begünstigen. Wenn tatsächlich führende Politiker mit „Schutzgelder“ eintreibenden Gangchefs unter einer Decke stecken, indem die Politiker den Gangchefs Geld und Waffen besorgen, damit sie die in Analphabetismus und Dummheit gehaltene Bevölkerung zwingen, für den Politiker zu wählen und ihn blind zu unterstützen, wer soll dann noch dafür sorgen, dass das Volk gerechte Politiker bekommt. Wir haben in Deutschland aus guten Gründen Angst vor dem Wunsch, es möchte ein starker Mann gewählt werden, der mal für Ordnung sorgt. Natürlich hat die Angst ihre Berechtigung. Aber es ist schwer vorstellbar, dass demokratische, rechtsstaatliche Strukturen eine wirkliche Chance haben sich durchzusetzen, wenn nicht zuerst ein Minimum an Voraussetzungen durch einen starken und hoffentlich unter Einsatz seines Lebens gerecht bleibenden Mann (oder einer solchen Frau) geschaffen wird. In Haiti gehört ein erheblicher Prozentsatz an pseudodemokratisch gewählten Politikern eigentlich ins Gefängnis. Das Land wird fast durchweg von Dieben und Mördern regiert. Das ist offenbar die harte Wirklichkeit.

Als wir in den Hotelparkplatz einbogen, atmeten wir auf: Geschmackvoll gepflasterte Wege und Parkplätze inmitten von tropischen Bäumen und bepflanzten Beeten führen zu breiten Treppen, die zur Empfangshalle des Hotels hinführen. Geschmackvoll gekleidetes Hotelpersonal empfängt uns lächelnd und zuvorkommend und weist uns den Weg ins Restaurant. Die Hotelchefin lässt uns, obwohl wir einen Termin mit ihr vereinbart hatten, warten. Nachdem wir recht gut gespeist haben, eröffnet uns ein Angestellter, dass sie leider doch verhindert sei. Claire erwidert, dass wir sie nur kurz sprechen wollen wegen zweier Mädchen aus unserem Mädchenheim. Daraufhin kommt die Chefin doch, eine nette, aber offensichtlich tatsächlich etwas überlastete Mitvierzigerin, Mulattin natürlich, denn solch ein Hotel dürften in Haiti allermeistens nur Mulatten oder sogar Weiße betreiben. Vielleicht gibt es Ausnahmen von dieser Regel, aber wir sind bis jetzt noch keiner solchen Ausnahme begegnet. Höchst erfreulich ist, dass die Hotelchefin (die übrigens den für uns Deutsche etwas seltsamen Familiennamen „Dieschildkröte“ – französisch natürlich, nämlich Latortue - trägt) mit der Arbeit unserer zwei Mädchen sehr zufrieden ist. Bei einer der Beiden hapert es noch etwas mit der Zuverlässigkeit, aber sie ist einverstanden, das Praktikum der Beiden zu verlängern. Francis, der seit 8 Monaten für die Haiti Kinderhilfe tätige Erzieher, hatte die Möglichkeit des Praktikums in diesem Hotel aufgetan. Wir sind sehr erfreut, denn dass Mädchen, die aus dem Milieu der haitianischen Slums kommen, eine reale Möglichkeit finden, in der Upperclass eine Arbeitsmöglichkeit zu erhalten, dürfte nicht sonderlich oft vorkommen. Nun, es geht bis jetzt um ein Praktikum, nicht um eine Anstellung. Aber wenn die beiden Mädchen ein erfolgreiches Praktikum dieses Niveaus vorweisen können, dürften sich ihre Chancen beträchtlich erhöhen, eine etwas besser bezahlte Arbeit im Hotelgewerbe zu finden.

Heute Nachmittag treffen wir wieder einige „unserer“ Jugendlichen.

Liebe Grüße

Claire und Frank