Oikos-Verein

Bericht  aus Haiti und Cornillac  vom 18.2.2019

Liebe Freunde,

dieser letzte Bericht unserer diesjährigen Reise nach Haiti kommt etwas verspätet. Als wir aus Cap Haitien nach Port-au-Prince zurückflogen, begann für mich, Frank, der regelmäßig mich in Haiti irgendwann ereilende Durchfall, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Allerdings kam diesmal ein sehr starkes Fieber dazu. Wir trafen trotzdem noch einmal Herold Toussaint, der versprach, Teilnehmern an seiner Privatinitiative von CUCI einige Fragen vorzulegen mit der Bitte, sie möglichst sorgfältig zu beantworten. CUCI bietet einer Auswahl von Studenten die Möglichkeit, unter der Supervision von Professor Toussaint gemeinsam ein meist soziologisches Thema zu bearbeiten und daraus ein Buch zu machen. Die Grundidee ist neben der sachlichen Arbeit den jungen Leuten beizubringen, wie man trotz manchmal unterschiedlicher Standpunkte solidarisch zusammenarbeiten kann. Gleichzeitig will die Initiative das Selbstvertrauen der jungen Leute stärken. Beide Ziele sind für Haiti außerordentlich wichtig. Der OIKOS e.V. unterstützt CUCI schon seit mehreren Jahren.

Der Flug nach Paris ist dank starker Mittel gut verlaufen. Wir sind noch einen Tag bei Claire’s Bruder geblieben, den ich allerdings mit Fieber im Bett verbracht habe. Zum Glück war das Fieber nicht mehr so hoch. Wir haben auch mit unserem französischen Dorfarzt telefoniert, der meinte, wir sollten in Paris oder am nächsten Tag in Valence gleich in die Notaufnahme eines Krankenhauses gehen, damit man feststellt, was ich habe. So sind wir am nächsten Tag per Zug nach Valence gereist und mit unserem dort geparkten Auto direkt zum dortigen Krankenhaus gefahren. Man hat mich dort nach 2 Stunden im Wartezimmer gleich auf einer fahrbaren Liege „geparkt“ und nach sieben weiteren Stunden und ein paar Blut- und Stuhluntersuchungen in ein Einzelzimmer gefahren mit der Information, ich würde am besten gleich da bleiben. Zum Glück wohnt eine Nichte per Auto eine Stunde weit weg, so dass Claire um drei Uhr nachts dorthin fahren konnte. Ich war für die Ärzte ein aus Haiti hereingeschneiter interessanter Fall. Allerdings haben sie in den fünf Tagen, die ich dort blieb, nichts gefunden: kein Malaria, kein Typhus-Fieber (das Fieber ging sowieso von alleine weg), kein Chikungunya, kein Dengue-Fieber, also wohl irgendein Virus. Inzwischen sind wir wieder zuhause und warten noch auf Laborergebnisse aus einem Labor für Tropenmedizin in Lyon. Mal sehen, ob man da etwas findet. Ich bin allerdings wieder auf dem aufsteigenden Ast. Und morgen beginnt unsere übliche Tour nach Köln, Nürnberg, München und Graz.

Claire wird einen neuen Film zusammenstellen, denn wir haben viel gefilmt und photographiert. Sobald er fertig ist, werden wir eine Rundmail verschicken. Ich werde auch eine Zusammenfassung über die Antworten der Studenten von Herold Toussaint schreiben, die wir dann auch versenden werden.

Liebe Grüße

Frank und Claire

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Bericht aus Haiti  vom 29.01.2019

Liebe Freunde,

gestern rief uns ein Priester an, dem Soeur Paesie von uns erzählt hatte. Er will uns treffen.

Wir vereinbaren einen Termin im Mädchenheim. Père David Fontaine ist ein kräftig gebauter Mann, der seit zehn Jahren als Gemeindepriester und jetzt als Generalvikar in Haiti (Miragoâne) tätig ist. Er will von uns wissen, ob wir als Psychologen Interessantes für ihn auf Lager haben. Es wird ein dreistündiger, wohl für beide Seiten - für uns wie für ihn – bereichernder Austausch daraus.

Hier schreiben wir für Euch auf, was er für uns Neues berichtet hat: Manches davon wussten wir schon, aber es tat gut, es von einem anderen kompetenten Menschen bestätigt zu bekommen.

Wahrheit spielt eine untergeordnete Rolle

Wir sprachen über das nicht sehr ausgeprägte Verhältnis, das viele Haitianer zur Wahrheit haben. Er meinte, dass die Kategorien „gut versus böse“ und „richtig versus falsch“ eine ganz untergeordnete Rolle spielen. Die wirklich wichtige Kategorie, an der man die Wirklichkeit misst, ist vielmehr „stark versus schwach“. Was stark macht, ist gut. Was schwächt, ist schlecht. Voodoo dient dazu, die Geister für sich einzunehmen, damit man eine möglichst starke Ausgangsposition hat. Dabei bleibt man im Muster Herr versus Sklave. Tendenziell kann man sagen, dass eine Lüge kein sonderliches Problem ist, wenn sie die eigene Position stärkt. Dégagé pas péché

Mir geht durch den Kopf, dass die Vorrangstellung von Stärke um jeden Preis in heidnischen Religionen weit verbreitet gewesen ist. Die Götter einer Volksgruppe waren bei vielen Völkern Ortsgötter. Verlor das Volk einen Krieg gegen ein anderes Volk, erwiesen sich dadurch die Götter des Siegervolks als stärker und man übernahm sie. Es ist im Vorderen Orient eine absolute Neuigkeit gewesen, dass Yahve, der Gott Israels, von den Juden zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft nicht durch die Götter Babylons ersetzt wurde, sondern sie an Yahve festhielten, weil die Offenbarung Mose klar machte, dass Yahve nichts mit einem Ortsgott zu tun hat, sondern jenseits aller räumlichen Dimensionen steht. Im haitianischen Voodoo ist ein weit verbreiteter Glaube, dass die Geister, die man beschwört, nach der Beschwörung wieder nach Afrika zurückgehen, also ortsgebundene Gottheiten und Geister sind.

Es spielt auch keine sehr wichtige Rolle, ob eine Handlung gut oder böse ist. Wenn sie die eigene Position kräftigt, neigt man leicht dazu, sie für gut zu halten.

Urvertrauen

Wir haben den Pater gefragt, woher das große Vertrauen in das Leben kommt, das wir bei Haitianern immer wieder beobachtet haben. Er brachte den netten Vergleich mit Obelix. Seiner Meinung nach hängt dieses wirklich erstaunliche Grundvertrauen damit zusammen, dass Haitianer wie Obelix in ihrer Kindheit in einen Zaubertrank fallen, nämlich in die überall geteilte, selbstverständliche Überzeugung, dass Gott da ist und dass er durch und durch gut ist. Sie nennen Gott „Papa Bondye“, was man französisch „papa bon Dieu“ schreiben würde und was man mit „mein Papa, der gute Gott“ übersetzen könnte. Dieser Glaube ist so tief und selbstverständlich, dass dadurch auch die Welt gut ist, gleichgültig, was passiert. Das macht verständlicher, warum der Glaube der Haitianer aus Leiderfahrungen gestärkt hervorgeht. In Europa wird er durch Leiderfahrungen heute oft schwächer, weil die Leute finden, dass ein guter Gott sich nicht erlauben sollte, solches Leid wie Erdbeben und dergleichen zuzulassen.

Das ergänzt gut unsere bisherige Annahme, dass Haiti trotz aller Zerrissenheiten in einem Punkt eine einheitliche Kultur darstellt: Alle glauben an Gott, fast alle sind Christen, auch wenn das Christentum mit viel Voodoo vermischt wird und mit Hilfe der vorrangigen Kategorie „stark – schwach“ uminterpretiert wird.

Das führt zu eigenartigen „Blüten“: Pater Fontaine erzählte von einem Mädchen, das einen Priester fragte, ob es stimme, dass sie mehr spirituelle Kraft bekommen könne, wenn sie mit einem Priester schlafen würde!

Zur Familie

Obwohl Haitianer zu 80 Prozent katholisch sind, sind harmonische und fest gefügte Familien selten. In einer Gemeinde hatte Pater Fontaine regelmäßig sonntags an die 400 Kirchenbesucher, aber unter diesen vierhundert waren nur vier harmonisch lebende Familien. Die Macho-Haltung der Männer hat sich in den letzten Jahren verschlimmert. Sie äußert sich darin, dass Männcr es noch mehr als früher als Zeichen ihrer Kraft nehmen, wenn sie mehrere Frauen schwängern. Die Ehefrauen dieser Männer, sofern die Männer zuhause bleiben, nehmen auch die unehelichen Kinder in Kauf. Meistens werden die Frauen aber von den Männern allein gelassen. Wie in vielen Gegenden Afrikas tragen die Frauen die Hauptlast der täglichen Arbeit.

Psychische Störungen

Wir sprechen über psychische Störungen. Haitianer leiden durchaus an allerlei Neurosen, aber sie wirken sich anders aus als bei uns. Höchst bemerkenswert findet Pater Fontaine, dass Selbstmord fast nie vorkommt. Wir haben, glaube ich, voriges Jahr in einem unserer Berichte schon erzählt, dass wir uns Selbstmordstatistiken angeschaut haben. In Frankreich ist Selbstmord bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren die zweithäufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen. Jeden zweiten Tag bringt sich in Frankreich zudem ein Bauer um. In Haiti kommt Selbstmord statistisch gesehen nicht vor!

Für Pater Fontaine ist auffällig, wie oft er bei Haitianern feststellt, dass sie innerlich gespalten sind. Die Kluft, die zwischen dem genannten Urvertrauen einerseits und dem weit verbreiteten Misstrauen und vielen Ängsten besteht, überrascht auch den Pater immer wieder.

Wir erzählen ihm von den Beobachtungen eines Ehepaars, das 17 Jahre in Haiti gelebt und versucht hat, sich ganz in die haitianische Lebensweise hineinzubegeben. Die beiden Eheleute haben festgestellt, dass haitianische Frauen die Babies immer mit sich herumtragen und ihnen immer sofort die Brust geben, sobald das Kind sich irgendwie bemerkbar macht. Es bekommt auch nachts sofort die Brust, sobald es sich bewegt. Das genannte Ehepaar hat die Theorie aufgestellt, dass diese Erziehung es dem Baby unmöglich macht, ein Gefühl für Zeit zu bekommen, was die Mühe erklären würde, die die meisten Haitianer damit haben vorauszuplanen. Die Frau des Ehepaars hat die Gegenprobe gemacht. Sie kannte Haitianer, die gut vorausplanen konnten. Sie ging zu deren Müttern und in beiden Fällen stellte sich heraus, dass diese Mütter ihre Babies nach einem festgelegten Rhythmus gestillt hatten.

Dazu kommt der von dem Ehepaar festgestellte weit verbreitete Aberglaube, dass die Muttermilch 18 Monate nach der Geburt des Babys giftig wird. Das Kind bekommt ab diesem Zeitpunkt die Brust nicht mehr. Will es die Brust, erklärt die Mutter es zum Milchdieb oder erzählt ihm irgendwelche herbeiphantasierten Gründe, warum es die Brust nicht mehr bekommt. Das ist die denkbar beste Erziehung, um dem Kind beizubringen, dass die Mutter es nicht wirklich liebt und dass Wahrheit keine wesentliche Rolle spielt. Das Kind lernt lügen und manipulieren, um zu dem zu kommen, was es will.

Als der Pater fragte, ob wir ihm etwas für Haiti raten könnten, meinten wir: Müttergruppen.

Besagtes Ehepaar musste Haiti allerdings fluchtartig verlassen, weil eine Kritik an Müttern einem Sakrileg gleichkommt. Das Ehepaar bekam sogar Morddrohungen. Man muss also bei Müttergruppen diplomatisch vorgehen.

Ein Gedanke zur Kirche in Haiti

Wie geht es der haitianischen Kirche? Es gibt sehr gute Priester. Leider gibt es auch viele korrupte Priester.

Die Auseinandersetzung mit Voodoo ist kompliziert. Es ist ausgerechnet der Salesianerpater Aristide, der Voodoo zur gleichberechtigten Staatsreligion gemacht hat. Das macht es doppelt schwer, die christliche Sicht in die Mentalität zu verankern, dass der sozial oben Stehende sich bemühen sollte, dem sozial weiter unten Stehenden zu dienen.

Zur Sozialstruktur

Pater Fontaine bestätigt, dass Mulatten in Haiti in der Regel sozial oben stehen und zur eher reichen Schicht gehören. Diese Situation wird zementiert, weil Mulattenkinder in die besten Schulen des Landes gehen und oft im Ausland studieren können, was es ihnen ermöglicht, sozial oben zu bleiben.

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Wir werden mit Pater Fontaine in Kontakt bleiben. Mal sehen, was sich daraus ergibt.

Hulda

Heute haben wir auch Hulda getroffen. Hulda ist im Heim der Haiti Kinder Hilfe aufgewachsen, hat die Schule absolviert und dann ein Agronomiestudium abgeschlossen. Die Haiti Kinder Hilfe hat ihr daraufhin geholfen, einen Betrieb zu gründen, in dem sie agronomische Produkte weiterverarbeiten wollte. Für die Bauern ist oft ein Problem, dass niemand ihnen genügend Früchte oder Gemüse abkauft, sie diese Produkte aber nicht lagern können, weil sie verfaulen würden. Wir haben Hulda zunächst von einem deutschen Ingenieur Tische basteln lassen (das ist inzwischen einige Jahre her), auf denen sie Früchte trocknen konnte. Das war der Anfang. Dann startete ein größerer amerikanischer Verein eine Initiative in dem nach dem Erdbeben neu entstandenen Stadtteil im Norden von Port-au-Prince, in dem Hulda wohnte. Leute, die ein gutes Projekt vorschlugen, bekamen eine größere Unterstützung und wurden auch beim Aufbau des Projekts begleitet. Hulda bekam für ihr Projekt  eine Starthilfe von 8000 amerikanischen Dollars. Was fehlte, lieh ihr die Haiti Kinder Hilfe. Eine Weile lang hörten wir nichts mehr von ihr. Heute erzählte sie, dass sie das geliehene Geld zwar noch nicht zurückbezahlen kann, aber dass sie von ihren Erzeugnissen leben kann. Sie stellt schon Fruchtnektar und Marmeladen her, außerdem mahlt und verkauft sie Maismehl, dazu kommt Chamcham, eine Mischung aus verschiedenen nussartigen Früchten. Schwierig ist, dass sie kein eigenes Wasser hat. Sie muss jetzt Geld investieren, um einen Brunnen graben zu lassen. Was die Sache, wie in Haiti üblich, erschwert, ist das Problem des Diebstahls. Sie lagert ihre Produkte noch nicht an ihrer eigenen Produktionsstätte, weil die Mauer um das Grundstück noch nicht fertig ist. Außerdem hat dieser Stadtteil kaum geteerte Straßen. Bei Wind wird eine ungeheure Staubwolke überall aufgewirbelt, was das Trocknen von Früchten im Freien in diesem Stadtteil unmöglich macht. Aber Hulda gibt nicht auf.

Sie sieht gut und munter aus, wirkte außerordentlich schwungvoll, ist voller Tatendrang. Sie hat vor, im Hof des Grundstücks eine Art Saftbar einzurichten, wo Leute sich treffen können. Sie hat schon einige Bäume gepflanzt. Sobald sie Wasser hat, will sie noch mehr pflanzen. Das Grundwasser ist in neun Meter Tiefe, also relativ leicht zu erreichen. Die Bohrung kostet etwas über 2000 Dollar. Es war eine Freude, ihr zuzuhören. Nächstes Jahr werden wir hinfahren, um zu sehen, wie weit sie gekommen ist.

Den Bericht schicken wir schon von Cap Haitien ab, wo wir heute morgen nach einem zwanzigminütigen Flug gut angekommen sind. Francis, der französische Erzieher, ist mitgekommen, so dass er auch ein bisschen von Haiti zu sehen bekommt, sieht was wir in Cap Haitien tun und mal aus dem Jungsheim in Port-au-Prince rauskommt. Phébée, Berthony, Maître Claude, Bernadette und Jeanine halten die Stellung in den Heimen. In Cap Haitien haben uns Soeur Godelieve und Marie-Catherine am Flughafen abgeholt und zu ihrem Waisenheim gebracht. Aber das erzählen wir im nächsten Bericht.

Guten Winter in Deutschland

Frank und Claire

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Bericht aus Haiti, Mittwoch den 23.1.19

Liebe Freunde,

Um 10.30 Uhr treffen wir Soeur Paesie vor Batimat, einem großen Bauhandelsgeschäft am Rand von Cité Soleil. Berthony bringt uns hin und sie kommt mit einem kleinen Auto, das ihr von einem haitianischen Firmenbesitzer geschenkt worden ist. Es gibt reiche Haitianer mit Herz. Nicht viele, aber es gibt sie.

Wir fahren in eine ihrer Schulen, die wir vor einigen Tagen schon gesehen hatten. Aber diesmal hat sie genug Vertrauen zu uns, so dass wir unseren Photoapparat und die kleine Filmkamera mitnehmen können; wir müssen sie nur so lang in einer Umhängetasche verstecken, bis wir im Inneren des Gebäudes ankommen, in dem die Schulklassen sich befinden. Aber auch da dürfen wir sie erst herausziehen, nachdem sie den Kindern erzählt hat, warum wir photographieren und filmen wollen. Offenbar sind bereits die Kinder außerordentlich misstrauisch, was Photos angeht. Zu oft ist es vorgekommen, dass Kinderhandel und dubiose Adoptionsvorgänge in Cité Soleil im Spiel waren. Aber die Kinder haben Vertrauen zu Soeur Paesie und so können wir die Apparate aus der Tasche ziehen. Seltsam hat uns berührt, dass manche Kinder eindeutig sexuell gefärbte Gesten im Repertoire hatten. Es kann gut sein, dass sie in dieser Beziehung bereits Einiges zu sehen bekommen haben.

Dann wandern wir mit Soeur Paesie mit wieder versteckten Apparaturen durch einige der mehr oder weniger verschlammten Straßen von Cité Soleil. Plötzlich ruft eine Frauenstimme: „Claire, Claire“. Es ist die wieder im Slum wohnende Chandeline, die im Heim aufgewachsen ist und ziemliche Mühe hat, sich durchzuschlagen. Sie hat viel zu schnell ein Kind bekommen und ist irgendwie gestört. Sie war eine Weile lang gut in der Schule, aber ab einem gewissen Moment war sie verändert. Wir konnten sie auch wegen des Kindes nicht im Heim behalten. Seitdem versuchen wir, ihr irgendwie weiter zu helfen. Die Kosten für das Kind bezahlen wir über eine Patenschaft. Jetzt kommt noch einiges an Nahrungsmitteln dazu. Und wir versuchen, ihr beizubringen, wie sie einen kleinen  Straßenhandel aufbauen kann, bisher ohne sonderlichen Erfolg.

Soeur Paesie zeigt uns eines ihrer Heime, in denen sie Straßenkinder aufnimmt und unterrichten lässt. Einige der dort wohnenden, etwa acht- bis zehnjährigen Jungs erzählen ziemlich schüchtern einer nach dem anderen, wie es kam, dass sie im Heim gelandet sind. Soeur Paesie hat eine wunderbar einfache und aufmunternde Art, ihnen Mut zu machen, ihre Geschichte zu erzählen. Es sind Geschichten von einem schwer vorstellbaren Kinderleid. Sterbende Väter oder Mütter; der überlebende Teil tut sich mit einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin zusammen; die neue „Ehehälfte“ mag die Kinder nicht und zwingt sie, auf der Straße zu leben und sich dort durchzuschlagen. Oder die Mütter der Kinder sind so arm, dass sie die Kinder nicht ernähren können und sie im Heim abgeben. Soeur Paesie hat vor, solche Kinder nur eine Weile zu behalten, um dann zu versuchen, den Müttern so beizustehen, dass sie die Kinder wieder aufnehmen können. Das heißt aber auch oft, erst einmal sowohl die Kinder wie die Mütter entsprechend zu erziehen.

Im Heim hat sie einen jungen Mann,der Schüler bei Soeur Paesie war, als sie Katechismus-Unterricht gab. Er war so berührt und beeindruckt von dem, was Schwester Paesie über Jesus erzählte, dass er 15-jährig mit 11 Klassenkameraden anfing, sich in Cité Soleil um Straßenkinder zu kümmern. Durch ihn kam es zu der Gründung des Heims von Schwester Paesie. Der junge Mann hat seine Initiative nach Marcel Van, einem asiatischen jungen Mann benannt, der von der Kirche heilig gesprochen worden ist.

In dem Haus, in dem Schwester Paesie mit 2 anderen Schwestern wohnt, ist ein Raum als Kapelle eingerichtet, in dem auch das Heilige Sakrament gegenwärtig ist. Sie betet einen kurzen Augenblick dort mit uns.Jeden Tag kommen die Jungs zum beten dahin. Freiwillig. Und beten für alle, die Schwester Paesie helfen.

Herzlichen Gruß

Claire et Frank

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Bericht aus Haiti, Montag den 21.1.2019

Liebe Freunde,

Über den Philosophen Jean Borella und dessen Frau Gabi (Jean hat 25 Jahre lang jedes Jahr ein Seminar über religiöse und philosophische Themen bei uns am L’Adret de Cornillac geleitet) erfuhren wir von Soeur Paesie. Eine der Töchter von Jean und Gabi ist Benediktinerin geworden. Soeur Paesie ist deren beste Freundin.

Soeur Paesie ist Nonne bei den Schwestern von Mutter Theresa gewesen. Sie arbeitet seit 17 Jahren in Haiti, wo der Orden sich fast ausschließlich um tuberkulose- und aidskranke, meistens in einer schwer vorstellbaren Armut lebende Menschen kümmerte. Nach vielen Jahren dieser Tätigkeit bat sie die Oberen ihres Ordens, eine andere Kongregation gründen zu dürfen, die sich um Kinder aus ärmsten Verhältnissen kümmert. Sie bekam die Erlaubnis  mit dem Segen des Bischofs von Port-au-Prince und fing an, Straßenkinder in Cité Soleil um sich zu scharen. In gewisser Weise griff sie die Idee von Pater Bohnen in neuer Weise auf, der vor einigen Jahrzehnten für Kinder aus Cité Soleil die „Kleinen Schulen“ gegründet hatte, aus denen im Lauf der Zeit die heutigen Salesianer-Schulen und –ausbildungsstätten wurden (heute gehen um die 15 000 Kinder und Jugendliche dorthin). Die Salesianerschulen kosten inzwischen etwas, so dass es für manche Eltern unmöglich ist, ihre Kinder dorthin zu schicken.

Viele Kinder im Slum von Cité Soleil haben kein Zuhause und schlafen irgendwo, betteln und stehlen sich durch. Manche haben obdachlose Mütter, die ebenfalls die Nächte irgendwo verbringen. Irgendwo heißt an einem Platz, der nicht schlammig und voll Müll ist, irgendwo also zwischen den Hütten aus löchrigem  Wellblech, Kartons und halb verrotteten Brettern. Da die Kinder völlig verwahrlost und voller Misstrauen sind, kann man sie nicht dazu bringen, in eine normale Schule zu gehen. Man muss damit anfangen, sie da, wo sie sich hauptsächlich herumtreiben, zu versammeln, mit ihnen zu spielen, ihnen vielleicht schon einmal die ersten Anfänge des Alphabets zu vermitteln, aber hauptsächlich, sie an gewisse Tagesrhythmen zu gewöhnen, ihnen beizubringen zuzuhören, und vor allem, Vertrauen in den Erwachsenen zu bekommen, der sich um sie kümmert. So hat Soeur Paesie das gegründet, was sie die „informellen Schulen“ nennt. Es sind inzwischen 9 solcher „Schulen“, die sie ins Leben gerufen hat.

Nach zwei Stunden Gespräch mit ihr in unserem Mädchenheim war sie sofort bereit, uns mit nach Cité Soleil zu nehmen, dorthin, wo sie jeden Tag ihre Arbeit tut. Wir fragten sie, ob wir einen Photoapparat und eine kleine Filmkamera mitnehmen könnten. Sie meinte, dass das nicht ginge. Der Grund ist, dass die Polizei mehrmals Leute nach Cité Soleil geschickt hat, die viel photographiert haben, um besser nach Kriminellen suchen zu können. Seitdem verhindern die Bandenchefs, dass dort Leute mit Photoapparaten herumlaufen und eventuell herumspionieren.

Wir fuhren also mit ihr nach Cité Soleil. Mehrere Bandenchefs herrschen dort über ihr jeweiliges Gebiet. Sie kennt sie; die Chefs lassen sie arbeiten, solange sie ihnen nicht in die Quere kommt. Die mächtigsten der Chefs (denn es gibt natürlich „Unterchefs“) haben oft sogar eine eigene humanitäre Organisation. Einer von ihnen lässt jeden Monat ein großes Essen organisieren, in dem die ärmsten Einwohner seines Distrikts von ihm verköstigt werden. Die kriminelle Welt hat ihre eigenen seltsamen und widersprüchlichen, teilweise grausamen, teilweise rührend menschlichen moralischen Regeln. Unterwegs zu einer der Schulen, zwischen halb verfallenen, aber gemauerten Hütten, Blechbruchbuden, zerschlissenen Zelten, taucht ein junger, aber erstaunlich beleibter Schwarzer auf, im Gesicht eine jener Sonnenbrillen, bei denen man den Eindruck bekommt, es mit Hornissenaugen zu tun zu haben, weil die Gläser das Tageslicht mehrfarbig metallen widerspiegeln. Er beugt sich zum Autofenster herein und wechselt einige Worte mit der Schwester. Als wir weiterfahren, meint sie, dies sei einer der Bandenunterchefs. Wir halten kurz hinter einer Einfahrt. Sie bittet den Fahrer, direkt vor die Einfahrt zurückzusetzen. Offenbar möchte sie nicht, dass man uns sieht, als wir so schnell wie möglich in dem kleinen Hof verschwinden, in den die Einfahrt hineinführt. Im Inneren angekommen erzählt sie uns, dass es sich bei den nur aus Parterre bestehenden Räumen um ehemalige Schweineställe handelt, die sie gründlich geputzt hat. In einem der Räume sitzen etwa zwölf Kinder mit einem vielleicht 18-jährigen Jugendlichen, der so etwas wie Unterricht mit den Kindern macht. Kaum erblicken die Kinder Soeur Paesie, springen sie auf und rufen unisono: „Bonjour, Soeur Paesie“ – rudimentäre Anfänge im Versuch, den Kindern halbwegs zivilisiertes Betragen beizubringen. In der Decke sieht man an vielen Stellen halbverrostete Betoneisen. Als ich einen Blick auf das Blachdach werfen kann, wächst dort einiges Gras. Die Wände sind ebenfalls in üblem Zustand. Aber noch ist nichts zusammengebrochen.

Wir fahren weiter zu einer anderen Klasse von ihr. Sie ist in einem ehemaligen Gefängnis von Aristide untergebracht, das auch in Cité Soleil liegt. Auch diese Gebäude sind in schlechtem Zustand. Bis jetzt müssen die Kinder irgendwo im Freien aufs Klo gehen, meist an den Rinnsalen, die durch den Slum fließen. Sie zeigt uns eine Stelle, wo sie gerne ein Plumpsklo bauen würde. Ihre Initiative ist nur etwas über ein Jahr alt, so ist alles in den Anfängen. Aber offenbar sind es schon an die tausend Kinder, die mit Soeur Paesie zu tun haben und für die sie Vieles vorhat.

Nicht weit weg hat man ihr mehrere Hektar Grund überlassen. Das Grundstück ist völlig verwildert und ziemlich sumpfig. Sie will es entwässern und im Lauf der Zeit dort ein Kinderheim mit Schule bauen. Als wir dorthin fahren, kommen wir an einem ummauerten Grundstück vorbei, in dem einige größere Gebäude stehen. Sie meint, dies sei die Schule eines amerikanischen Priesters, eine offenbar sehr gute Schule.

Ich bin neulich von deutschen Freunden gefragt worden, was ich vom Zölibat für katholische Priester halte. Das ist ein weitgespanntes Thema, aber als wir mit der katholischen, natürlich zölibatär lebenden Nonne an der Schule des, natürlich ebenfalls zölibatär lebenden amerikanischen Priesters vorbeifuhren, kam mir dieses Gespräch in den Kopf. Es scheint mir kein Wunder zu sein, dass die meisten Initiativen in den Slums Haitis von zölibatär lebenden Priestern, Nonnen und Mönchen ins Leben gerufen wurden und betrieben werden. Denn in den gefährlichen Umständen, denen sie sich in den Slums täglich aussetzen, die Verantwortung für eine Familie zu haben, wäre nahezu unerträglich, vielleicht sogar nicht zu verantworten.

Soeur Paesie ist eine sehr liebenswürdige, vielleicht gerade mal fünzigjährige Frau, aber man merkt ihr an, dass für sie die Nachfolge Christi in aller Einfachheit, aber mit jeder Faser ihres Herzens die Berufung ist, die sie antreibt. Sie wirkt, wie wenn sie keine Zeit hat, Angst zu haben. Die Kinder brauchen sie, basta.

Es hat Monate gedauert, bis sie mitbekommen hat, dass die Kinder, mit denen sie tagsüber zusammen war, nachts kein Zuhause hatten, ja, dass manche zwar Mütter oder sogar Eltern hatten, diese aber auch unter freiem Himmel schliefen.

Als wir ins Mädchenheim zurückfuhren, waren wir sehr nachdenklich. Klar war, dass wir versuchen wollen, die deutschen Mitstreiter der Haiti Kinder Hilfe und des OIKOS e.V. davon zu überzeugen, diese Frau mit ihren „Informellen Schulen“ in die Reihe der in Haiti unterstützten Initiativen aufzunehmen.

Liebe Grüße aus Haiti

Frank und Claire

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Bericht aus Haiti, Montag, 14. Januar 2019

Liebe Freunde, 

Heute haben uns J. und Za. im Mädchenheim aufgesucht. J. hat eine Ausbildung als Klempner bei den Salesianern gemacht. Die Ausbildung war mit zu wenig Praxis verbunden. Den Ausbildungsstätten der Salesianer fehlt das Geld, um Werkstätten zu schaffen, in denen die Lehrlinge ausreichend selbst Hand anlegen können. Man zeigt ihnen die praktischen Arbeiten, aber sie selbst machen zu wenig die Erfahrung, wie man ein verstopftes Rohr wieder durchlässig macht, wie man Wasserhähne montiert und repariert, wie man Rohre zuschneidet, verklebt und rechtwinklig an Wänden verlegt etc. etc. So sind sie nach der Ausbildung unfähig, selbständig Klempnerarbeiten zu übernehmen. Die übliche Lösung ist, Praktikumsstellen für sie zu suchen. Häufig verlangen Werkstätten recht viel Geld dafür, einen Klempnergesellen als Praktikanten aufzunehmen. Das geht so weit, dass manche Firmen hauptsächlich von den Praktikantengeldern leben. Beigebracht wird ihnen in solchen Firmen kaum etwas. Andere Firmen verlangen zwar kein Geld, bringen ihnen aber auch kaum etwas bei. Bei der verrückten Arbeitslosigkeit hat niemand sonderliches Interesse daran, sich einen eventuellen Konkurrenten heranzuzüchten. J. hat da und dort kleine Arbeiten gefunden. Wir haben ihn die eine oder andere Reparaturarbeit in den Heimen der Haiti Kinder Hilfe machen lassen. Manche hat er nur mit der Hilfe eines erfahrenen Klempners übernommen, weil er sich die Aufgabe nicht zugetraut hat. Heute hat er berichtet, dass er eine Weile eine Arbeit in einer Fabrik gefunden hatte, aber einige frisch angestellte Arbeiter haben gegen die dort gezahlten Hungerlöhne aufgemuckt, weshalb die Firma kurzerhand alle Arbeiter, die noch nicht lang in der Firma waren, auf die Straße gesetzt hat.

Seltsamerweise ist er, wahrscheinlich aus Anhänglichkeit an seine Mutter und Geschwister nie aus dem kriminalisierten Slum Cité Soleil weggezogen, was ,..... Nur wenn er Arbeit findet, kann er sich, wie er meint, einen Umzug leisten.

Za.hat einige Monate lang versucht, mit seiner abgeschlossenen Maurerausbildung in der Dominikanischen Republik ein Auskommen zu finden. Er ist, wie wir glauben, kein schlechter Maurer. Er hatte einige Male in den Heimen die Gelegenheit, seine Maurerkünste unter Beweis zu stellen. Aber die Situation nach abgeschlossener Ausbildung ist nicht viel besser als für Job. Auch ihn will besagter Bandenchef gern als „Soldat“ anheuern.

Wir haben eine Art Brainstorming mit den Beiden durchgeführt. Sie träumen davon, als Rapper ein Auskommen zu erwirtschaften. Gleich, als sie reinkamen, haben sie uns einen selbstgedichteten Rap vorgesungen. Leider haben wir wenig verstanden, denn natürlich dichten sie kreolisch.

Die üblichen Wege, hier für die Beiden Arbeit zu finden, sind fast aussichtslos. Man muss sich also etwas anderes einfallen lassen. Das vorläufige Ergebnis ist, dass wir mit ihnen eine Art Visitenkarte entwerfen und diese für sie drucken lassen. Außerdem sollen sie einen Werbe-Rap dichten, den sie in manchen Vierteln von Port-au-Prince, in denen es viel zu reparieren und zu bauen gibt, durch die Straßen wandernd singen können. Gleichzeitig können sie Leuten, die aus den Häusern herauskommen, ihre Visitenkarte in die Hand drücken. Mal sehen, ob das etwas bringt.

Allerdings geht uns der Gedanke nicht aus dem Kopf, wie man die beiden, vielleicht samt Mutter und Geschwistern, aus Cité Soleil herausbringen und in einem nicht kriminalisierten Viertel, in dem Wohnungen erschwinglich sind, unterbringen könnte, um die Gefahr aus der Welt zu bringen, dass sie vor lauter Entmutigung „Soldaten“ des ihren Distrikt kontrollierenden Bandenchefs werden.

Eine vertrackte Situation.

Wir hören, dass zumindest in Süddeutschland der Schneenotstand ausgebrochen ist. Auch nicht schlecht!

Liebe Grüße

Claire und Frank

 

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Vom 11. Januar 2019

Liebe Freunde,

da sind wir wieder in Haiti! Vorgestern kam das voll besetzte Flugzeug wohlbehalten in Port-au-Prince an. Beim Aussteigen gleich der übliche Hitzeschock – von den Null Grad in Paris über die leicht kühle Temperierung im Flugzeug zu 33 Grad und einer Sonne, die den Beton am Flughafen gut aufheizt.

Berthony, der unermüdliche Fahrer der Heime und der Mann für alles, und Francis, der Erzieher, der seit 8 Monaten im Heim der Jungs lebt und sich um die Erziehung unserer Kids bemüht, holen uns ab. Berthony ist, wie immer, hervorragend informiert, welche Straßen man entlangfahren kann ohne Überfälle zu riskieren, denn in letzter Zeit gab es wieder einmal mehr davon.

Nahezu alle hochrangigen Politiker arbeiten mit Gangchefs der Slums zusammen, liefern ihnen Geld und Waffen. Als Gegenleistung zwingen die Gangchefs die Bewohner des von ihnen kontrollierten Slumteils, den jeweiligen Politiker zu wählen und ihm hörig zu sein, also bei politischen Versammlungen laut Hurra zu schreien, wenn er spricht und alle Gegner zum Schweigen zu bringen. Dabei schaukeln sich Konflikte anscheinend zunehmend hoch. Kaum kommentiert von den Medien scheint bei einem solchen Konflikt vor kurzer Zeit eine Schießerei entstanden zu sein, bei der 71 Personen getötet wurden. Die Toten wurden in Säcken abtransportiert und auf einen Abfallhaufen geworfen. Niemand weiß, warum die Medien kaum darüber berichtet haben. Immerhin scheint es Leute zu geben, die ein juristisches Verfahren in Gang setzen wollen, um die Vorgänge aufzuklären.

Die Preise in Haiti steigen. Zum Glück hat der jetzige Präsident die vor wenigen Monaten getroffene Entscheidung, die Benzinpreise um 35 Prozent zu erhöhen, wieder rückgängig gemacht. Die Reaktion großer Teile der Bevölkerung war so, dass, in den Worten von Berthony, mehrere Tage gar nichts mehr ging, alles blockiert war. Alle Leute blieben zuhause und wagten sich nicht mehr auf die Straße.

Die Frau des Präsidenten hat ein Verfahren in Gang gesetzt, das alle Leute nötigt, sich einen neuen Personalausweis zu beschaffen. Angeblich verdient sie daran Millionen. Berthony hat uns seinen neuen Ausweis gezeigt. Er sieht, abgesehen von unbedeutenden Änderungen, genauso aus wie der alte.

Ihr seht also, dass wir gleich bei unserer Ankunft eintauchen in die von endlosen Skandalen bestimmte politische Atmosphäre dieses Landes. Aber es gibt auch Gutes: Das haitianische Sozialamt hat eine große Initiative gestartet, die verschiedenen Heime und Waisenheime aufzulisten und effektiver zu kontrollieren. Mal sehen, ob die Kontrolle etwas bringt. Nötig ist sie sicher, denn es dürfte einige Heime geben, in denen die dort wohnenden Kinder benutzt werden, um an Hilfsgelder heranzukommen. In vielen Heimen sind auch Kinder und Jugendliche, die Eltern haben. Das Heim wird von den Eltern ausgenutzt, um Kinder loszuwerden, die sie unbedacht in die Welt setzen oder bei denen sie zu geizig oder zu faul sind, um für sie zu sorgen. Das Sozialamt will die Heimbetreiber anregen, vielleicht auch hin und wieder zwingen, solche Kinder wieder zu den Eltern zu bringen und dafür zu sorgen, dass die Eltern sich um sie kümmern. Wie so oft in Haiti dürfte das auf dem Papier sehr gut aussehen, aber an der Realität scheitern, denn um wirklich zu kontrollieren, bräuchte das Amt genügend gut bezahlte und gut ausgebildete und nicht korrupte Leute, was bei einer chronisch leeren Staatskasse, bzw. einem kräftig verschuldeten Staat nur schwer möglich ist. Immerhin sind unsere Heime bereits von den Beamten des Sozialamts besucht worden. Sie wollen in ein paar Monaten wieder kommen und haben zwei Fragebögen hinterlassen, von denen der eine 19 eng bedruckte Seiten, der zweite fünf Seiten umfasst. Man gewinnt den Eindruck, dass die Verfasser sich an französischen Normen orientiert haben, denen höchstens das eine oder andere von hygienesüchtigen Amerikanern gebaute Heim entsprechen dürfte. Wir werden das Sozialamt besuchen und mit den Leuten reden. Das führt in der Regel dazu, dass man sich auf recht vernünftige Weise einigen kann.

Heute Mittag essen wir in einem recht guten Restaurant in Pétionville, dem eher für reiche Leute attraktiven Viertel von Port-au-Prince. Cassandra und Luna, zwei unserer Mädchen aus dem Mädchenheim, haben dort die Gelegenheit bekommen, ein Praktikum zu machen. Wir wollen mit der Besitzerin sprechen, um zu sehen, ob das gut läuft. Cassandra und Luna wollen einen Imbissstand aufmachen, träumen aber davon, später ein Restaurant zu betreiben. Sie sind klug und könnten es durchaus schaffen, wenn ihre Disziplin und ihr Durchhaltevermögen ausreichen. Disziplin ist eines der größten Probleme in Haiti und auch der meisten unserer Kids.

Soviel für heute. Genießt den Winter.

Liebe Grüße

Claire und Frank

vom 12.Januar 2019

Liebe Freunde,

wir waren also gestern Mittag in einem der vornehmeren Hotels und dazu gehörigem Restaurant von Port-au-Prince. Es liegt mitten in Pétionville, dem wohl edelsten Viertel der Stadt. Um zum Hotel zu gelangen, mussten wir durch einen Teil Pétionsvilles fahren, was zu unserer großen Überraschung völlig anders aussah als noch voriges Jahr. Das Viertel war früher immer relativ still und ordentlich gewesen. Die eher zentral gelegenen Straßen wurden eingesäumt von allen möglichen Geschäften und Boutiquen. Jetzt plötzlich sind alle Bürgersteige von fliegenden Händlern besetzt. Man glaubt sich in einem der Marktviertel von Port-au-Prince. Die von Berthony gelieferte Erklärung für diesen radikalen Wandel ist, dass die zentraler gelegenen Viertel der Hauptstadt gefährlicher geworden sind. Die Kontrolle verschiedener Viertel durch kriminelle Banden hat sich verschärft. Berthony erzählt, dass Händler manchmal mehrmals am Tag bedroht und aufgefordert werden, „Schutzgelder“ zu bezahlen: kleine Stände (Bäuerinnen mit ein paar Mangos und Zwiebeln) zahlen 25 Gourdes, größere 50 und ganz große noch erheblich mehr – wie gesagt manchmal mehrmals am Tag. (Im Augenblick bekommt man für 77 Gourdes einen amerikanischen Dollar). In Pétionville bezahlen die Geschäfte und Stände zwar auch „Schutzgelder“, aber an Gemeindebeamte, die allerdings mehr verlangen, als vom Staat her vorgeschrieben. Sie stecken den Überschuss natürlich in die eigene Tasche.

Berthony fährt jede Woche mit Bernadette, die für den Haushalt im Mädchenheim zuständig ist, auf einen der großen Märkte von Port-au-Prince, um die Essenseinkäufe zu machen. Mehrmals sind die Beiden in bedrohliche Situationen geraten, in denen Mitglieder einer Gang dabei waren, Schutzgelder mit Waffen im Anschlag einzufordern. Wer nicht spurt oder sich rechtzeitig verduftet, bezieht Prügel oder Schlimmeres.

Man kommt, wenn man solche Geschichten hört, unweigerlich auf Ideen, dass die Demokratisierungsversuche in diesem Land oft nur ein Vorwand sind, um geschützt von demokratisch vorgehaltenen Scheinprozessen eine mehr und mehr um sich greifende Kriminalisierung zu begünstigen. Wenn tatsächlich führende Politiker mit „Schutzgelder“ eintreibenden Gangchefs unter einer Decke stecken, indem die Politiker den Gangchefs Geld und Waffen besorgen, damit sie die in Analphabetismus und Dummheit gehaltene Bevölkerung zwingen, für den Politiker zu wählen und ihn blind zu unterstützen, wer soll dann noch dafür sorgen, dass das Volk gerechte Politiker bekommt. Wir haben in Deutschland aus guten Gründen Angst vor dem Wunsch, es möchte ein starker Mann gewählt werden, der mal für Ordnung sorgt. Natürlich hat die Angst ihre Berechtigung. Aber es ist schwer vorstellbar, dass demokratische, rechtsstaatliche Strukturen eine wirkliche Chance haben sich durchzusetzen, wenn nicht zuerst ein Minimum an Voraussetzungen durch einen starken und hoffentlich unter Einsatz seines Lebens gerecht bleibenden Mann (oder einer solchen Frau) geschaffen wird. In Haiti gehört ein erheblicher Prozentsatz an pseudodemokratisch gewählten Politikern eigentlich ins Gefängnis. Das Land wird fast durchweg von Dieben und Mördern regiert. Das ist offenbar die harte Wirklichkeit.

Als wir in den Hotelparkplatz einbogen, atmeten wir auf: Geschmackvoll gepflasterte Wege und Parkplätze inmitten von tropischen Bäumen und bepflanzten Beeten führen zu breiten Treppen, die zur Empfangshalle des Hotels hinführen. Geschmackvoll gekleidetes Hotelpersonal empfängt uns lächelnd und zuvorkommend und weist uns den Weg ins Restaurant. Die Hotelchefin lässt uns, obwohl wir einen Termin mit ihr vereinbart hatten, warten. Nachdem wir recht gut gespeist haben, eröffnet uns ein Angestellter, dass sie leider doch verhindert sei. Claire erwidert, dass wir sie nur kurz sprechen wollen wegen zweier Mädchen aus unserem Mädchenheim. Daraufhin kommt die Chefin doch, eine nette, aber offensichtlich tatsächlich etwas überlastete Mitvierzigerin, Mulattin natürlich, denn solch ein Hotel dürften in Haiti allermeistens nur Mulatten oder sogar Weiße betreiben. Vielleicht gibt es Ausnahmen von dieser Regel, aber wir sind bis jetzt noch keiner solchen Ausnahme begegnet. Höchst erfreulich ist, dass die Hotelchefin (die übrigens den für uns Deutsche etwas seltsamen Familiennamen „Dieschildkröte“ – französisch natürlich, nämlich Latortue - trägt) mit der Arbeit unserer zwei Mädchen sehr zufrieden ist. Bei einer der Beiden hapert es noch etwas mit der Zuverlässigkeit, aber sie ist einverstanden, das Praktikum der Beiden zu verlängern. Francis, der seit 8 Monaten für die Haiti Kinderhilfe tätige Erzieher, hatte die Möglichkeit des Praktikums in diesem Hotel aufgetan. Wir sind sehr erfreut, denn dass Mädchen, die aus dem Milieu der haitianischen Slums kommen, eine reale Möglichkeit finden, in der Upperclass eine Arbeitsmöglichkeit zu erhalten, dürfte nicht sonderlich oft vorkommen. Nun, es geht bis jetzt um ein Praktikum, nicht um eine Anstellung. Aber wenn die beiden Mädchen ein erfolgreiches Praktikum dieses Niveaus vorweisen können, dürften sich ihre Chancen beträchtlich erhöhen, eine etwas besser bezahlte Arbeit im Hotelgewerbe zu finden.

Heute Nachmittag treffen wir wieder einige „unserer“ Jugendlichen.

Liebe Grüße

Claire und Frank