Oikos-Verein

Hier erste Eindrücke von unserem Besuchs in Haiti im Januar 2016

20.Jan.2016

Liebe Verwandte, liebe Freunde,

alles zu erzählen, was wir hier erleben, würde zu lange dauern. Also nur ein paar Szenen und Geschichten.

Gerade kam von der Deutschen Botschaft eine Mail bei uns an, dass alle Fremden aufpassen sollen, weil Wahlen sind und es ziemliche Probleme gibt. Bestimmte Gruppen, von denen niemand genau weiß, was sie eigentlich wollen, haben vor, die Wahlen restlos zu boykottieren. Einige Wahllokale wurden bereits in Brand gesteckt. Das Wahlgremium einer Partei hat offenbar bei den Vorwahlen im großen Stil betrogen, indem es Pässe und andere Ausweispapiere von im Erdbeben gestorbenen Leuten irgendwie benutzt hat, um daraus wahlfähige Stimmen zu machen. Das führt jetzt dazu, dass die Bevölkerung die Wahlen inzwischen meidet, weil es zu gefährlich zu sein scheint, zu den Wahllokalen zu gehen. Außerdem werden Unruhen bewusst geschürt. Von den beiden bei Vorwahlen übrig gebliebenen Kandidaten, von denen allerdings niemand genau weiß, aufgrund welcher zusätzlichen Betrügereien sie übrig geblieben sind, hat sich einer jetzt offiziell aus der Wahl zurückgezogen, was weitere Unzufriedenheit schafft. Kurz und gut: es ist Krise. Wir bekommen das zwar bis jetzt nur im Radio und indirekt mit. Aber klar ist, dass es Tage geben wird, an denen uns jeder sagt, wir sollen mal lieber zu Hause bleiben. Es gibt keinen Grund zu großer Sorge, aber erhöhte Vorsicht ist angesagt.

Gestern ist eine Geschichte passiert, die wir Euch unbedingt erzählen wollen. Der 16-jährige N. ist im Jungsheim der HKH aufgewachsen. N. kennt seine Mutter nur im Rollstuhl. Als kleines Kind soll er mit ihr auf der Straße gelebt haben, wo sie sich und ihn mit Betteln durchgebracht hat. Er war phasenweise schwierig, vor allem nach dem Erdbeben, bei dem er verschüttet worden war und einige Stunden unter den Trümmern gelegen hat. Manchmal bekam er Anfälle von Wut, wollte unbedingt aus dem Heim raus, und seit einiger Zeit fing er an zu stehlen. Claire und ich hatten einige Mühe, manchen Vorstandsmitgliedern des Vereins klar zu machen, dass das unter Umständen keine wirkliche Kriminalität ist, sondern verbunden mit seinen anderen psychischen Nöten eher als eine neurotisch bedingte Kleptomanie anzusehen ist. Aber wir waren uns auch nicht im Klaren, ob dem wirklich so ist, oder ob er die Wahl getroffen hat mit seinen sechzehn Jahren, sich mit schnellem durch Kriminalität ergattertem Geld durchzubringen.

Als wir jetzt in Port-au-Prince ankamen, stellte sich heraus, dass N. über Weihnachten zu seiner Mutter geschickt worden war. Das ist in bester Ordnung, da wir als Regel eingeführt haben, dass die Jugendlichen in den Ferien nach Möglichkeit zu noch vorhandenen Elternteilen oder anderen Verwandten gehen, um den Kontakt zu ihrer Familie und ihrer Herkunft nicht zu verlieren. Oft müssen wir ihnen Nahrungsmittel mitgeben, weil sie sonst nichts zu essen hätten. Nach den Ferien kam N. nicht ins Heim zurück. Er war verschwunden und war auch bei seiner Mutter nicht zu finden.

Alle machten sich Sorgen. Allen war klar: er treibt sich bei Gang-Freunden im Slum herum. Wenn er nicht zurück kommt, ist die Chance, ein besseres Leben außerhalb des Slums aufzubauen, höchstwahrscheinlich verspielt. E., ein Junge, der eine Schreinerlehre macht und in der Wohngemeinschaft für Jungs lebt, war im Mädchenheim, um dort Holzstühle zu schleifen und anzupinseln. Er meinte zu Claire: „Können wir nicht eine Woche organisieren, in der wir alle für N. beten?!“

Als Claire und ich gestern mit B., unserem Fahrer und Mann für alles, im Mädchenheim ankamen, stand N. vor dem Tor auf der Straße. Erst mal haben wir uns riesig gefreut, dann haben wir mit ihm lang geredet. Eine Tante von ihm war auch dabei. Er habe sich so geschämt, dass er nicht mehr zurückkommen wollte. Er könne manchmal einfach nicht widerstehen, etwas zu nehmen, wenn ihm etwas gefällt. Dann erzählte er, dass die Jungs aus der Gang, mit denen er im Slum unterwegs war – bei einem von ihnen hat er die Nächte verbracht – ihm gesagt haben: „Geh zurück ins Heim. Wir sind schon verloren. Aber du kannst es noch schaffen. Geh zurück!“ Claire und mir sind die Tränen in die Augen geschossen. Wir sagten N., dass es für ihn ziemlich traurig sein muss, diese seine Freunde aus dem Slum zu verlassen und ins Heim zurück zu kommen, vor allem, wenn so offensichtlich ist, dass sie ein wunderbar großes Herz haben; dass wir diese Jungs, auch wenn sie keine andere Wahl sehen als sich durch Stehlen durchzubringen, verstehen können und toll finden, dass sie ihm das gesagt haben. Ich weiß nicht wirklich, warum die Tante in diesem Augenblick zu schluchzen anfing. Ich glaube, sie hat gespürt, dass wir diese ihre Welt und die dieser Jungs nicht, wie in Haiti üblich, verachten.

Wir haben beschlossen, den Slum-Jungs einen Sack Reis (50 kg) zu schenken und N. hat groß Danke drauf geschrieben und Claire hat mit ihm zusammen noch ein paar Zeilen drangefügt. Dann sind wir ins Jungsheim gefahren. Alle Jungs mussten sich im Kreis setzen. Jeder sollte N. sagen, was er davon hält, dass er wieder im Heim ist. Alle haben ihm ihr Einverständnis erklärt, dass er wieder im Heim leben kann. Jeder ist aufgestanden und hat ihm die Hand gegeben. Wir haben noch klargestellt, dass Verzeihen eine schöne Sache ist, aber dass man wissen muss, was man verzeiht. Beklaut zu werden ist keine Kleinigkeit. Das muss allen und vor allem N. klar sein. Wir haben ihm noch den Rat gegeben, dass er mit jemandem darüber reden soll, wenn ihn die Lust zu klauen packt. Mal sehen, ob er es sein lassen kann. Auf jeden Fall war sichtbar, dass er froh war, den Freunden im Heim samt  dem Heimleiter, wieder in die Augen schauen zu können.

Noch eine Story, die wir heute erlebt haben. Eine gute Freundin, ehemalige Musikerin, hat es nach vielen Jahren harter Arbeit geschafft, mit einer neuen Tätigkeit recht gutes Geld zu verdienen. Sie hat einen Verein gegründet, über den sie Menschen, die Musik machen wollen, das aber nicht finanzieren können, unterstützt. Wir haben sie gefragt, ob das auch für unsere Jugendlichen in Haiti gilt. Sie meinte, dass ja. Gestern und heute haben wir drei Chorleiter getroffen. Wir werden einen von ihnen auswählen, damit er mit „unseren“ Jugendlichen Chormusik macht, wahrscheinlich viel Gospel, haitianische Schlager oder Volksmusik, Blues, französische Chansons (last not least, damit sie besser Französisch lernen) und dann und wann auch mal ein klassisches Musikstück. Zwei der Chorleiter haben wir noch nicht bei der Arbeit mit einem ihrer Chöre gesehen aber sie haben uns ganz gut gefallen. Beim dritten war uns gleich klar, dass wir den wohl nicht nehmen werden. Er kam uns bigott vor. Er betonte ständig, daß er verrückt nach Gott sei, schaute einen nicht direkt an, war übertrieben bis schleimig höflich und obendrein in seinem ersten Preisvorschlag viel zu teuer. Aber wir sind trotzdem einige Stunden nach der Begegnung mit ihm zu seiner „Kirche“ gefahren, um ihm bei einer Chorprobe zuzuschauen. A. wollte gar nicht erst mitkommen, weil ihm der Mann so wenig gefallen hatte. Er ist dann aber doch mitgekommen. In einem riesigen, in Betonstufen abwärts führenden Schuppen saß eine Gruppe von Männern und Frauen im Viereck auf einigen Bänken. In der Mitte stand unser Chorleiter vor einem Keyboard und begrüßte uns. Wir erklärten den Leuten, warum wir da waren und bedankten uns, dass wir zuhören durften. Dann ging es los. Der Mann ist energisch, kraftvoll, klar in seinen Anweisungen, rhythmisch präzis und hat den Chorleuten offenbar beigebracht, voll aus sich herauszugehen, sauber zu singen, auch wenn’s mehrstimmig war und einen Swing in den Songs herzubringen, der nicht von Pappe war. Er war zwar fast durchgängig einigermaßen solistisch zu sehr im Vordergrund; auch war die Musik immer wieder ein bisschen zu ähnlich, aber von Piano zu Fortissimo war alles enthalten und regelrecht mitreißend. Gotteslob in bester haitianischer Gesangskultur. Großartig. Morgen sind wir bei der nächsten Chorprobe beim nächsten Chorleiter dabei. Mal sehen, wie es da zugeht.

Wir schwitzen weiter, aber es tut sich, wie ihr seht, einiges Gute.

Seid herzlich gegrüßt von

Claire und Frank

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1.Febr.2016

Liebe Freunde und Verwandte,

hier wieder ein kleiner – langer! – Bericht.

Wir waren eine Woche im Waisenheim „Notre Dame de la Médaille Miraculeuse“. Soeur Godelieve holt uns am Flughafen ab. Im Flugzeug haben wir einen Europäer (wahrscheinlich Franzose, aber vielleicht auch Belgier) getroffen – nicht besonders groß, aber gut gebaut, beiger Anzug mit Kravatte, entschlossen schmale Lippen, viereckiger Schädel mit gescheiten Augen - , der uns erzählte, er sei für Geldfluß-Angelegenheiten spezialisiert. Der Ausdruck, den er auf Französisch dafür verwendete, wäre auf Deutsch „Rohrverbindungen des Geldes“. Ein Geldfluss Klempner also. Er untersucht, meist im Auftrag der jeweiligen Landesregierung, wo Gelder hin fließen und inwieweit sie an der eigentlich gewollten Stelle ankommen. Meist geht es natürlich darum, wer seine Steuern nicht bezahlt und in wessen Taschen das so gesparte Geld fließt. Überraschend ist für uns die Auskunft, dass es Haiti gut gehen würde, wenn die Leute der oberen Mittelschicht und die wirklich Reichen ihre Steuern bezahlen würden. Da das kaum der Fall ist, hat der Staat kein Geld für Reformen, was seit der Existenz der Unabhängigkeit die Probleme schafft, die man kennt. Nur etwa 6 % dessen, was eigentlich an Steuern bezahlt werden müsste, fließt in die Staatskasse.

Im Waisenheim und an der dazugehörigen Schule geht es im Großen und Ganzen recht gut. Seit zwei Jahren ist ein Organisator da, der über die DCC kommt (Délégation catholique pour la Coopération), eine katholische französische Organisation, die weltweit Leute an humanitäre Organisationen vermittelt, die ein bis zwei Jahre ihres Lebens ehrenamtlich für bestimmte Tätigkeiten, in denen sie kompetent sind, zur Verfügung stellen. Voriges Jahr war es ein Franzose; diesmal ist es O., eine 26-jährige, schwungvolle Belgierin, die in Belgien „Science de la population et du développement“ (etwa: „Wissenschaft für Völkerkunde und Entwicklung“) studiert hat.

Im Augenblick ist ihr und mein (Frank’s) Hauptproblem, wie Geld gefunden werden kann, damit die Erzieher und Hausmütter weiter bezahlt werden können. OIKOS hat seine Reserve ja aufgebraucht, die durch die Spenden nach dem Erdbeben zustande gekommen ist. Die laufenden Spenden bei OIKOS reichen nicht. Durch eine überraschende und äußerst dankenswerte größere Spende einer OIKOS-Mitgliedsfrau sind die Gehälter noch bis Ende März gesichert.

 G. ist die Chef-Erzieherin. Sie ist gut im Kontakt mit den Kindern. Die Kinder mögen und respektieren sie. Sie regt die Kinder, die etwas besser verstanden haben, dazu an, es den anderen Kindern zu erklären. Sie hilft den Kindern, mit den Anforderungen der Schule zurecht zu kommen und ist sehr erfolgreich dabei.

Als wir mit O. darüber sprechen, ist sie einverstanden, fügt aber hinzu, dass sie in einem Punkt mit G. nicht wirklich zufrieden ist: G. will ständig Geld, um alle möglichen Dinge zu kaufen, die man eigentlich mit den Kindern selbst herstellen könnte, wie zum Beispiel die Karnevalsmasken. Das ist typisch Haitianisch. Mir ist die Idee gekommen, dass der diesbezügliche Perfektionismus von G. mit Wodoo zusammenhängen könnte. Wenn sie bewusst oder unbewusst davon ausgeht, dass Karneval etwas mit den Geistern zu tun hat, das nicht nur Spass ist, sondern die Geister zumindest nicht verärgern darf, dann wäre verständlicher, warum sie so hartnäckig darauf besteht, dass hier gekaufte und perfekte Masken unumgänglich sind. Ist Karneval überhaupt so wichtig, weil er mit den Geistern, mit Trance-Tanz und dergleichen in Verbindung gebracht wird? Eine der Erzieherinnen, die ich frage, meint, das sei nicht der Fall. Ich muss da mehr Information sammeln.

Eines spielt mit Sicherheit eine große Rolle: das Verhältnis von arm zu reich: es einmal den Reichen gleichtun können! Das Ideal der Menschen ist: „wie die reichen Weißen leben „ und dazu gehört, dass man so wenig wie möglich tut und so viel wie möglich sich kaufen kann. Beim Schulkarneval müssen deshalb tolle professionelle Masken her, viel Schminke, eine große Musikanlage; und der Mann vom Fernsehen muss unbedingt dabei sein und alles filmen (so berichtet O.).

Natürlich lassen wir uns viel erzählen. Soeur Godelieve ist eine unerschöpfliche Quelle für die Probleme, die es gibt – zum Beispiel wo was und wie viel gestohlen wird, (Zement, Lebennsmittel… ein Problem, das wohl nie ganz in den Griff zu bekommen ist, denn jeder haitianische Mitarbeiter hat seinen ganzen Clan im Hintergrund, der erwartet, dass er mitprofitieren kann von den aus Europa und Amerika kommenden Geldern und Gütern); wo Geld verschwendet wird (Soeur Godelieve ist ein Muster an Sparsamkeit, der jede Verschwendung sofort ins Auge sticht); wo wer Missstände beschönigt. Soeur Godelieve erzählt uns das alles auch deshalb, weil sie den Kampf gegen diese schlechten Gewohnheiten leid ist. Sie ist immerhin über 80 Jahre alt, hat ihr Leben mit diesen Kämpfen zugebracht und man spürt, dass sie müde wird. Trotzdem ist sie nach wie vor „auf ihrem Posten“.

Madame Leconte, Gründerin und Leiterin von Waisenheim und Schule, sieht zwar die Probleme, ist aber als Haitianerin an vieles gewöhnt und meint (vielleicht zurecht), dass sie nicht zu hart durchgreifen darf, da sonst Racheakte drohen (von Wodoo-Zauber bis zu von ehemaligen Mitarbeitern organisierten Überfällen ist schon alles vorgekommen. Vor kurzem wurde in der Schule eingebrochen. Man hat fast nichts gestohlen, aber vieles zerstört z.B. einen nagelneuen Drucker. 

Für uns Europäer ist es immer wieder kaum zu glauben, womit man hier beinahe selbstverständlich rechnet. Gleichzeitig ist Madame Leconte von einem nicht zu bremsenden Charisma beseelt, bei dem sie Verbesserungen als machbar erträumt, bei denen wir uns fragen, ob das wohl realistisch ist. Aber in den Jahren, die wir hierher kommen, fanden wir jedes Mal Verbesserungen vor, die in die Richtung ihrer Träume gingen. Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass das durch den Willen Jesu geschieht, und wenn Er es will, dann können Fehler gemacht werden, soviel man will, es wird trotzdem passieren. Wer weiß, vielleicht hat sie recht. Claire und ich mögen den Ausspruch des islamischen Propheten Mohammed gern, der gesagt haben soll: „Vertrau auf Gott und bind’ dein Kamel fest.“ Wir Europäer haben wohl zu sehr die Tendenz, die erste Hälfte des Satzes zu vergessen und hektisch unsere Kamele festzubinden, was uns ökonomisch hilft, aber seelisch verkümmern lässt. Madame Leconte hat vielleicht zu sehr die Tendenz, die zweite Hälfte zu vernachlässigen, weshalb manches Geld für Dinge aufgewendet wird, die vielleicht nicht so nötig sind, aber seelisch herrscht hier eine Kraft, die in Europa sehr viel weniger zu finden ist.

Das führt zu einem Thema, von dem man nicht gern spricht: Ich (Frank) habe Statistiken über die Selbstmordraten in Haiti gesucht. Nach diesen Zahlen ist in Haiti Selbstmord extrem selten. Zum Vergleich: in Frankreich ist bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren Selbstmord die zweithäufigste Todesursache! Da ich die Häufigkeit von Selbstmord in einem Land für einen recht zuverlässigen Indikator für  seelische Gesundheit halte, dürfte klar sein, dass wir einiges von den Haitianern lernen könnten. Sie sind von einer Leidensfähigkeit und Durchhaltekraft, die einem die Schamröte ins Gesicht treiben kann, wenn man das europäische Gejammer auf hohem Niveau mitbekommt und bei sich selbst natürlich auch feststellt.

Wir haben schon in den ersten 3 Tagen der Woche alle Kinder, die bei der Haiti Kinder Hilfe Patenschaften haben, gesprochen und fotografiert. Auch von den Kindern geschriebene Briefe und gemalte Bilder haben wir problemlos bekommen. Der Dank für diese reibungslose Erledigung gebührt M., einer 26-jährigen, sehr engagierten Französin. Auch sie kam über die DCC hierher und arbeitet sehr diplomatisch geschickt in der Schule, macht kleine Fortbildungen mit den Lehrern, kümmert sich um Organisatorisches, macht aber auch viel mit den Kindern. Die Lehrer kamen zu den Fortbildungen nicht…. Bis sie die Idee hatte, die Fortbildungen mit einem gemeinsamen Mahl zu beenden. Daraufhin kamen alle! Gestern Abend saß sie vor der Bibliothek im Waisenheim, um sie herum 7 kleine Jungs und Mädchen, und las nette Geschichten vor.

Die Bibliothek: Bei unserem Besuch im vorigen Jahr hatte Madame Leconte bei einer Versammlung aller Mitarbeiter und Kinder von ihrem Wunsch gesprochen, dass bei der Bibliothek Stille herrschen soll, denn das sei ein Ort der Meditation und der Besinnung. Als wir hingingen, um uns den Ort der Stille anzusehen und zu genießen, kamen wir in einen Raum, in dem kreuz und quer Bücher auf einem anderthalb Meter hohen Haufen lagen. Der Boden war dreckig. Überall lagen Papierschnipsel herum. Chaos pur. Claire und ich lachten laut heraus. Wir hatten eine Art zen-buddhistisch klare Ordnung erwartet. Beide dachten wir spontan: Haiti wie es leibt und lebt.

Heuer allerdings kam uns das Staunen auf die gegenteilige Weise: Schöne Regale zieren die Wände. Die Bücher stehen wohl geordnet an ihrem Platz. Dahinter ist zwar immer noch ein Raum, in dem viele Bücher auf einem Haufen und in Kartons gestapelt sind. Aber die Bibliothek selbst ist beinahe „zen“, sagen wir besser „christlich ordentlich“. Und jedes Mal, wenn wir hingehen, sitzen einige Kinder dort oder in der überdachten Terrasse davor und schmökern. Wir sind begeistert.

Claire war 3 Tage lang richtig krank. Da es nach einem Tag Regen passierte, an dem es „kalt“ war (von 36° auf 27° innerhalb von 2-3 Stunden fühlt sich kalt an. Oriane hat sich sogar abends eine Wärmflasche gemacht!!!!), und sie Kopfschmerzen, Halsschmerzen, starken Husten zu dem Hohen Fieber und der totalen Mattheit hatte, haben wir geglaubt, dass es eine Art Erkältung oder Grippe war.  Es wurde und wurde aber nicht besser und als sie sich erbrechen musste, erkannte sie die Symptome: Malaria (wie vor 2 Jahren). Sie hatte sie nur deswegen nicht erkannt, weil sie zusammen mit der tatsächlich vorhandenen Erkältung kam. Sie hat dann sofort Malarone genommen… und innerhalb von Stunden besserten sich die Symptome: der beste Beweis für die Diagnose!

Jetzt sind wir hier im Hotel für eine Woche Ferien, die bitter nötig sind. Sie ist noch recht schlapp, aber fühlt sich wieder „normal“. Dieser Malaria-Zustand ist schwer zu beschreiben. Wir sind heilfroh, dass es vorbei ist.

Jetzt haben wir eine Woche Ruhe, um uns zu erholen. Es ist so schön, eine saubere, bequeme Umgebung zu haben (allein dass man im Bad immer Wasser hat, dass die Klospülung funktioniert, dass man Platz hat, um seine Sachen hinzustellen und sie nicht irgendwie im Koffer oder auf dem Boden lassen muss, dass man Licht hat abends, dass die Türen nicht klemmen oder beim Öffnen aus den Angeln gehen, dass die Moskitonetze dicht sind und nicht vom Rost so angefressen sind, dass fast nichts mehr vorhanden ist etc… etc…)

Eigentlich sollten wir einen Tag nach Ouanaminthe in ein anderes, von Amerikanern geführtes Waisenheim mit Schule und Klinik fahren. Ouanaminthe liegt etwa zwei Stunden Autofahrt Richtung Osten von Cap Haitien in der Nähe der Grenze zur Dominikanischen Republik. Es sind so viele Unruhen und Straßenblockaden im Land aufgrund der verschobenen Wahlen, dass wir nicht hinfahren konnten.  Wir planen jetzt, Mittwoch hinzufahren. Es kann sein, dass H., der mit seinem Medizinstudium fertig ist, dort eine Anstellung findet. Das wäre ein großer Segen. Sogar für fertige Mediziner mit Super-Noten, ist es schwer eine Anstellung zu finden, wenn sie nicht Beziehungen haben, und zwar Beziehungen nach „ganz oben“. Bei H. ist es so, dass sein direkter Chef (Chef der Notaufnahme des großen Uni-Krankenhauses) und der Direktor des Krankenhauses ihn unbedingt haben wollten, aber sie sind in der „falschen“ Partei!!!

Jetzt genießen wir unsere Woche Ferien, bevor wir für unsere letzte Haiti-Woche wieder nach Port-au-Prince fliegen.

Euch allen ganz herzliche Grüße.

Frank und Claire